PNP 23.10.19: "PFOA-Problem schon im Griff"

Veröffentlicht am 26.10.2019 in Gesundheit

Im Burgkirchner Trinkwasser gibt es keine Perfluoroktansäure mehr – Veranstaltung des SPD-Unterbezirks gut besucht

Burgkirchen. Viele Bürger sind immer noch in Sorge über die Qualität des Trinkwassers im Landkreis. Das hat die Veranstaltung des SPD-Unterbezirks Altötting mit rund 90 Besuchern am Montagabend im Bürgerzentrum Burgkirchen gezeigt. Nach einer Einführung durch Annette Heidrich, Vorsitzende des SPD-Unterbezirks, und einem kurzen Vortrag des SPD-Umwelt- und Verbraucherschutzexperten Florian von Brunn entwickelte sich eine rege Diskussion, wodurch die Versammlung erst nach nahezu zwei Stunden endete.

Anlass für die Veranstaltung war die Herabsetzung der Höchstmenge des Umweltgiftes PFOA um den Faktor 1750 durch das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die Umweltgifte der Stoffgruppe PFC, zu der auch PFOA gehört, sind offenbar deutlich gesundheitsschädlicher als bislang vermutet. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und infolgedessen auch das Bundesinstitut für Risikobewertung haben die Höchstmenge, die noch nicht gesundheitsgefährdend ist, für diese Chemikalien drastisch gesenkt. Die neue maximale wöchentliche Aufnahmemenge wurde für PFOA von 10500 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche auf sechs Nanogramm herabgestuft.

Johann Krichenbauer, Bürgermeister der Industriegemeinde Burgkirchen, bemühte sich am Montagabend ein weiteres Mal um Aufklärung über den mittlerweile erreichten Sachstand. Denn in der Diskussion wurde auch deutlich, dass manche Sorge auf Unwissenheit beruht. So machte Krichenbauer klar: "Wir werden das PFOA-Problem nicht erst in den Griff bekommen, wir haben es schon. Im Burgkirchner Trinkwasser gibt es keine Perfluoroktansäure mehr!"

Belasteter Brunnen abgeschaltetWie berichtet, stellte die Gemeinde Burgkirchen im November 2016 die Trinkwasserversorgung um. Seither wird kein Wasser aus dem Forst Kastl mehr beigemischt, sondern nur noch PFOA-freies Wasser aus der Brunnenanlage Raitenhaslach ins öffentliche Netz eingespeist.

Auf Nachfrage des Emmertingers Wolfgang Hackl hob der Burgkirchner Bürgermeister hervor, dass an die Verwaltungsgemeinschaft Emmerting "1:1 dasselbe Wasser geliefert wird" wie nach Burgkirchen selbst.

Als problematisch bezeichnete Krichenbauer folgenden Satz von Brunns: "Ich würde meinen Kindern Wasser aus der Flasche geben, wenn ich hier wohnen würde." Der Bürgermeister der Industriegemeinde stellte dieser Aussage gegenüber, dass Mineralwasser nicht auf PFC kontrolliert wird, Trinkwasser dagegen schon. Im Trinkwasser aus der Brunnenanlage Raitenhaslach könne PFOA nicht mehr nachgewiesen werden. "Der Leitwert liegt bei 0,1 Mikrogramm je Liter, die Nachweisgrenze bei 0,001 – also um den Faktor 100 niedriger. Wie weit unser Wasser unterhalb der Nachweisgrenze liegt, wissen wir nicht, weil das nicht gemessen werden kann", unterstrich Krichenbauer.

Das Trinkwasser für Burgkirchen und die Verwaltungsgemeinschaft Emmerting wird im halbjährlichen Rhythmus kontrolliert. Die Ergebnisse veröffentlicht die Gemeinde Burgkirchen im Internet. In der geplanten Aktivkohle-Filteranlage, in der zwei Filter in Reihe geschaltet werden, werde es nach Inbetriebnahme monatliche Kontrollen geben, kündigte Krichenbauer an.

Erwin Schmitzberger wollte wissen, ob auch private Brunnen überprüft werden, aus denen zum Beispiel Tiere getränkt werden. Dazu gab der Bürgermeister bekannt, dass es in der Gemeinde Burgkirchen nur noch einen Privathaushalt und einen landwirtschaftlichen Betrieb gibt, die nicht an die zentrale Wasserversorgung angeschlossen sind. Um die Überprüfung dieser Brunnen kümmere sich das Landratsamt.

Elisabeth Reiling fragte nach der Verwendung von Brunnen- oder Regenwasser für private Gärten. Dazu gibt es nach Aussage von Brunns zu wenig Untersuchungen vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Simone Schleider aus Schützing sagte, dass sie das Gemüse in ihrem Garten mit Brunnenwasser gießt. Nach einer Überprüfung durch das Landratsamt habe sie zwar die Beurteilung ihres Gemüses als "unbedenklich" erhalten, leider seien trotz Nachfrage aber nicht genaue Messwerte mitgeteilt worden.

Edmund Pichler aus Kastl meinte, im Landkreis seien alle hier erzeugten Lebensmittel mit PFOA belastet. Alois Maier aus Kastl ließ wissen, bei ihm seien 55 Mikrogramm PFOA im Blut gemessen worden, obwohl er seit acht Jahren kein Leitungswasser mehr trinke. Hier müssten Zusammenhänge gründlich untersucht werden, verlangte Maier. Dazu meinte von Brunn, hierbei sei das Landratsamt überfordert, vielmehr müsse das LGL tätig werden. Heinz Wimmer aus Haiming forderte eine Zentralstelle, damit sich die Bürger nicht ihre Informationen aus den Internetseiten der einzelnen Gemeinden zusammensuchen müssten.

"Muttermilchhoch belastet" Simone Schleider erwähnte auch, dass sie ihr Kind stillt, aber unsicher ist, ob sie das Richtige tut. Darauf bemerkte Dr. Rolf Hengel, Sprecher der Bürgerinitiative Netzwerk Trinkwasser (BINT), Muttermilch sei hoch belastet und werde dies auch nach Inbetriebnahme der Aktivkohle-Filteranlage bleiben. Von Brunn führte dazu an, das LGL bewerte die Vorteile des Stillens höher als dessen Risiken. Die anwesende Ärztin Andrea Braun erklärte, dass sich fettlösliche Gifte in der Muttermilch anreichern.

Martin Steinberger nannte die eingeführte Ökomodellregion "nicht ehrlich". Noch viel mehr Bodenproben müssten genommen werden. Steinberger wüsste gerne, wo die belasteten 200 Quadratkilometer im Landkreis genau sind. Dazu teilte Bürgermeister Krichenbauer mit, dass ein Bodenmanagementsystem von der Industrie erarbeitet werde. Das Landratsamt habe die Industrie beauftragt, Bodenproben zu nehmen, um die Belastungsgebiete eingrenzen zu können.

ANTRAG IM LANDTAG
Der Landtagsabgeordnete Florian von Brunn und seine Kollegen aus der SPD-Fraktion fordern die bayerische Staatsregierung auf, den bisher geltenden Leitwert für PFOA im Trinkwasser sofort abzusenken. Das Abwarten eines neuen Leitwerts der Trinkwasserkommission sei nicht akzeptabel. Unter anderem beinhaltet der Antrag an die bayerische Staatsregierung auch die Forderung nach Einrichtung einer Beratungsstelle und nach vollständiger Veröffentlichung aller Informationen, die staatlichen Stellen vorliegen. Dieser SPD-Antrag soll morgen, Donnerstag, im Umweltausschuss des bayerischen Landtags behandelt werden.